76. Gewerbliche Winterkonferenz
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Zwischen geopolitischen Realitäten und innenpolitischen Herausforderungen: Rezepte für eine erfolgreiche KMU-Politik
Arena 1, Klosters | 14. - 16. Januar 2026
Unter dem Tagungsthema «Zwischen geopolitischen Realitäten und innenpolitischen Herausforderungen: Rezepte für eine erfolgreiche KMU-Politik» richtete die 76. gewerblichen Winterkonferenz in Klosters den Fokus darauf, wie eine erfolgreiche KMU-Politik in einem aussenpolitisch von Unsicherheiten und innenpoltisch von schwierigen Rahmenbedingungen geprägtem Umfeld aussehen kann.
Das Programm beinhaltete unter anderem folgende Höhepunkte
- Keynote-Referate von Bundesrat Martin Pfister, Vorsteher des Eidg. Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport und von Christoph Frei, Publizist und Professor für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Internationalen Beziehungen
- Impulsreferate u.a. von Botschafter Ivo Germann, Leiter der Direktion für Aussenwirtschaft beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO und von Nicola Tettamanti, Unternehmer und Präsident Swissmechanic.
- Plenar-Diskussionen mit Vertretern von Wirtschaft und Politik u.a. zu den Themen wirtschaftspolitische Resilienz, Aussenhandelspolitik und regulatorische Entlastungen.
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Rezepte für eine erfolgreiche KMU-Politik
Die 76. Gewerbliche Winterkonferenz in Klosters ist eröffnet. Das Gipfeltreffen der Gewerblichen Wirtschaft dauert vom 14. bis zum 16. Januar; das Tagungsthema lautet: «Zwischen geopolitischen Realitäten und innenpolitischen Herausforderungen: Rezepte für eine erfolgreiche KMU-Politik».
Ständerat Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv, der Bündner Regierungspräsident Marcus Caduff, BVG-Präsident Viktor Scharegg und Gemeindepräsident Hansueli Roth eröffneten die dreitägige Veranstaltung in der Klosterser Arena, bevor Politikwissenschafter Prof. em. Dr. Christoph Frei unter dem Titel «Ordnung oder Chaos? - Anmerkungen zum geopolitischen Rahmen» seine Gedanken zur Weltlage präsentierte.
Politischer Wandel und wirtschaftliche Resilienz
Der Donnerstagmorgen, 15. Januar, ist dem Thema «Politischer Wandel und wirtschaftliche Resilienz» gewidmet und beginnt mit einem Impulsreferat von Nicola Tettamanti, Präsident Swissmechanic, Unternehmer und CEO der Tecnopinz SA. Unter dem Titel „Zwischen Globalisierung und Protektionismus“ teilt Tettamanti seine Überlegungen zur Zukunft der Schweizer Industrie-KMU.
Es folgt ein Gespräch zur Sichtweise des Gewerbes mit SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, sgv-Vorstandsmitglied, Präsidentin Thurgauer Gewerbeverband und Mithinhaberin der Stahl- und Metallbaufirma Ernst Fischer AG.
Nach einem Impulsreferat «Antifragile Schweiz – Strategien für eine Welt der Unordung» von Christoph Eisenring, Leiter Forschung und Programme, Avenir Suisse, folgt – moderiert von Nicole Frank – eine Paneldiskussion. Es nehmen daran teil: Nicola Tettamanti; Christoph Eisenring; FDP-Nationalrätin Jaqueline de Quattro, Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission; Jürg Rothenbühler, Vize-Präsident Swiss Label, Zentralpräsident VSSM, Inhaber und VR-Präsident Rothenbühler AG.
Aussenhandelspolitische Herausforderungen und Chancen
Um aussenhandelspolitische Herausforderungen und Chancen dreht sich die Diskussion am Donnerstagabend. Zwei Impulsreferate öffnen den Reigen: Unter dem Titel «Kleines Land in der Weltwirtschaft bringt Prof. Dr. Reto Föllmi vom Schweizerischen Institut für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität St. Gallen die Sicht der Wissenschaft ein. Und Botschafter Ivo Germann, Leiter der Direktion für Aussenwirtschaft des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO, beleuchtet unter dem Titel «Zwischen Freihandel und Protektionismus» die Perspektive der Handelspolitik.
Position des sgv zum EU-Vertragspaket
An einer kontradiktorischen Diskussion zu den neuen Verträgen Schweiz – EU nehmen teil: Marco Sieber, Mitinhaber, VRP SIGA Holding AG und Rudolf Minsch, Leiter Wirtschaftspolitik & Aussenwirtschaft, economiesuisse. Anschliessend präsentiert sgv-Direktor Urs Furrer die Position des sgv zum EU-Vertragspaket.
Bundesrat Martin Pfister in Klosters
Höhepunkt und Abschluss der 76. Gewerblichen Winterkonferenz wird die Rede von Verteidigungsminister Martin Pfister sein. Der Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS beehrt den Gewerbeverband erstmals mit seiner Anwesenheit.
Das anschliessende Apéro, offeriert von der Gemeinde Klosters und der Destination Davos Klosters, und das grosse Diner in der Arena Klosters (Getränke offeriert von Swiss Label und swissstaffing) lancierten die 76. Gewerbliche Winterkonferenz stimmungsvoll.
Die Schweiz als KMU
Von der Öffnung zur Abschottung: Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen vier Jahrzehnte und deren Folgen für die Schweizer Wirtschaft standen am Donnerstagmorgen in Klosters im Zentrum der Diskussionen.
Den Reigen eröffnete der 40-jährige Unternehmer Nicola R. Tettamanti, Mitinhaber und CEO der Tecnopinz SA und Präsident von Swissmechanic. Er schilderte die Aufschwungphase nach dem Ende des Kalten Kriegs und dem Mauerfall: Liberalisierung, neue Märkte und viel Optimismus zu Beginn der Globalisierung brachten Wachstum und Dynamik vor allem für die Schweizer Exportwirtschaft. Nach einer Hochphase führte die Globalisierung aber zu zunehmendem Preisdruck, und die Finanzkrise ab 2008 bedingte eine strukturelle Anpassung und mehr Fokus auf Produktivität und Innovation. Das Aufkommen von Protektionismus, Handelskonflikte, danach die Pandemie, der Krieg in Europa und die Energiekrise und schliesslich das Erstarken der Zollpolitik und die damit einhergehenden Unwägbarkeiten führten zu Verunsicherung bei vielen Unternehmen.
«Was machen wir falsch?»
Tettamanti beschrieb anhand der Tecnopinz, die er mit seinem Bruder Claudio führt und die 50 Mitarbeitende beschäftigt, die Folgen dieser Veränderungen für die KMU. Ab 1970 produzierte die Firma Spannsysteme für Werkzeugmaschinen – ein Geschäftsmodell, das sich 30 Jahre halten liess und das am Ende durch die Finanzkrise endgültig zerstört wurde. Das neue Modell – schneller, besser und digitaler als Präzisionsmechanik-Lohnfertiger – wurde durch die globale Wirtschaftskrise erneut infrage gestellt: Heute ist die Tecnopinz SA im Projektmanagement in den Bereichen Energie, Life Sciences sowie Luft- und Raumfahrt aktiv.
«Protektionismus trifft die MEM-KMU doppelt», sagte Tettamanti. Zölle verteuern Vorprodukte und erschweren den Export, der starke Franken frisst Margen weg, und die Know-how-Vermittlung führte zu neuer Konkurrenz aus den Exportländern. «Im Vergleich zu den Grossmächten ist die Schweiz ein KMU», resümierte Tettamanti. «33 Monate mit einer negativen Stimmung in der MEM-Branche führen zur Frage: Was machen wir falsch?» Ein Mangel an Aufträgen und an Arbeitskräften, kombiniert mit hohen Energiepreisen und einem unvorteilhaften Wechselkurs seien die grössten Herausforderungen.
Als mögliche Lösungsansätze forderte Tettamanti, dass Schluss sein müsse mit der staatlichen Konkurrenz gegenüber den Unternehmen. Es müssten wieder Fehler anerkannt, Verantwortung übernommen und Probleme offen angesprochen werden. Und die Schweiz müsse einsehen, dass Exzellenz kein Zustand sei, sondern täglich neu unter Beweis gestellt werden müsse.
Spielraum nicht noch mehr verengen
Unternehmerin und SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr pflichtete Tettamanti bei und meinte: «Die Politik muss aufhören, den Spielraum der KMU mittels neuer Gesetze noch stärker zu verengen.» Am Beispiel der Sozialpolitik – Stichworte: Mindestlöhne, Elternzeit, 80-Prozent-Lehre etc. – zeigte Gutjahr auf, dass staatliche Konkurrenz zu den KMU die Probleme noch verschärften, und dass das Zudecken derselben mit immer mehr Geld keinesfalls eine Lösung sein könne.
Selbstgefälligkeit als Gefahr
Christoph Eisenring von Avenir Suisse erklärte das Prinzip der Antifragilität und zeigte auf, was die Schweiz stärkt: direkte Demokratie, Föderalismus, Verantwortlichkeit der Entscheidungsträger – und nicht zuletzt die duale Berufslehre.
Unter der Leitung von Nicole Frank diskutierten anschliessend nebst Tettamanti und Eisenring die Unternehmer Heinz Theiler, Nationalrat FDP/SZ und Jürg Rothenbühler, Grossrat Mitte/BE.
«Dass die Schweiz meist gut durch Krisen kommt, birgt auch die Gefahr einer gewissen Selbstgefälligkeit», bilanzierte Eisenring und stellte eine zunehmende Entfremdung der Politik gegenüber dem produzierenden Gewerbe fest. Tettamanti plädierte dafür, dass die Politik die Folgen ihrer Entscheide für die Unternehmen stärker ins Auge fassen und das Unternehmertum gestärkt werden müsse – gerade auch, um jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen.
Theiler brach eine Lanze für die Schweizer Rüstungsindustrie, und Rothenbühler – der Schreiner und VSSM-Präsident ist auch Vizepräsident von Swiss Label – betonte, dass die Schweiz ihre Swissness verstärkt als Chance betrachten sollte.
Und nicht zuletzt zeigte die Veranstaltung auch die Wichtigkeit eines gewissen zivilen Ungehorsams gegenüber den Forderungen des Staats auf: «Eine Busse von 500 Franken fürs Nichtausfüllen von Formularen ist vertretbar», sagte ein Teilnehmer – «und gegenüber stundenlanger unproduktiver Arbeit allemal ein Gewinn.»
Am Mittag des 15. Januar traf sich eine illustre Schar sportbegeisterter Besucher der 76. Gewerblichen sgv-Winterkonferenz 2026 zum Eisstockschiessen und Lunch auf und neben dem Eisfeld des Sportzentrums Klosters. Der Lunch und das Eisstockschiessen wurde freundlicherweise vom Bündner Gewerbeverband offeriert.
Klumpenrisiken vermeiden und Hausaufgaben im Inland erledigen
Der Donnerstagnachmittag stand ganz im Zeichen von aussenpolitischen Herausforderungen und Chancen. Professor Reto Föllmi vom Schweizerischen Institut für Aussenwirtschaft der Universität St. Gallen blickte aus wissenschaftlicher Sicht auf die Schweiz als kleines Land in der Weltwirtschaft.
Eine besondere Herausforderung für die Schweiz ist, dass sie eine relativ grosse Handelsabhängigkeit aufweist. Ihr Verhältnis von internationalem Handel zum BIP ist im Vergleich mit anderen Ländern sehr hoch. Demgegenüber ist ihr Anteil am gesamten Weltimport von Gütern und Dienstleistungen ziemlich gering.
«Muss man deswegen verzweifeln?», fragte Föllmi, und gab die Antwort gleich selbst: «Nein. Das hatten wir schon immer.» Trotz der US-Zölle, welche die Schweiz hart getroffen hatten und nun – noch immer provisorisch – herunterverhandelt wurden, erfolgen drei Viertel des Welthandels (immer noch) nach WTO-Regeln.
Doch wie kann sich die Schweiz weiterhin behaupten? «Wir müssen Klumpenrisiken und strategische Erpressbarkeiten vermeiden», so Föllmi. Ein breites Netz an Freihandelsabkommen hilft dabei. «Wir müssen die Türen nach allen Seiten offenhalten – und wer früh handelt, handelt mehr.»
Als kleines Land helfe es uns, unter dem Radar zu fliegen. Es gelte auch die Hausaufgaben im Inland zu erledigen. «Wir müssen die Produktivität im Binnensektor steigern und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen.»
In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Botschafter Ivo Germann, Leiter der Direktion Aussenwirtschaft des SECO. «Gute Rahmenbedingungen sind zentral.» Germann gab unter anderem einen Einblick in die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik und die wichtigsten Handelspartner. Das grösste Handelsvolumen hat die Schweiz mit den Staaten der EU, danach kommen die USA und dann China. Wichtig sei, dass sich die Schweiz nicht einem Block anschliesse. «Dafür werden wir uns einsetzen», sagte Germann, der die von ihm geleitete Direktion für Aussenwirtschaft als eine Dienstleisterin für die Wirtschaft sieht. Etwa drei Viertel des Handels werde mit den bestehenden Freihandelsabkommen abgedeckt.
Germann gab auch Einblick in die mit den USA ausgehandelte Absichtserklärung bei den Zöllen. Handelsgewichtet liegen diese nicht bei 15 Prozent, sondern bei rund sieben Prozent. «Wir sind damit unter den Allerbesten.» Die Verhandlungen mit den USA sollen nun zeitnah geführt werden, damit bald wieder Klarheit herrscht. Das Ziel sei es, noch weitere Zoll-Ausnahmen zu erreichen. Das Versprechen von Schweizer Unternehmen, in den USA rund 200 Milliarden Franken zu investieren, laufe nicht auf ein Nullsummenspiel heraus. Vielmehr gehe es bei diesen Investitionen auch darum, dass beide Länder – die Schweiz und die USA – gemeinsam wachsen könnten.
Germann folgerte mit Blick auf das instabile globale Umfeld, dass die Schweiz offen bleiben müsse. Eine gute Zusammenarbeit und ein diversifizierter Handel sei wichtig. «Wir müssen wachsam, pragmatisch und agil bleiben.»
In der anschliessenden Diskussion war für Daniel Woker – ehemaliger Botschafter in diversen Ländern und Spezialist für Geopolitik – klar, dass die USA derzeit einen völligen Bruch mit der vergangenen Ordnung vollziehen. Nicht nur handels- sondern auch sicherheitspolitisch.
Falls die USA als Handelspartner vollständig wegfallen würden, wäre es wohl schwierig, diesen Wegfall gesamthaft anderswo zu kompensieren, erklärte Reto Föllmi. Und dies dürfe auch gar nicht das Ziel sein.
Patrick Dümmler, Leiter Wirtschaftspolitik beim sgv, konstatierte: «Man muss heute wohl wachsamer sein als früher und genau beobachten, was geopolitisch passiert. Das betrifft auch die KMU, zum Beispiel mit Blick auf ihre Lieferkette.»
Doch wie gelingt es einem KMU überhaupt, in ausländischen Märkten Fuss zu fassen? Dümmler erklärte, dass es in den meisten Freihandelsabkommen ein spezielles Kapitel für KMU gebe. Mittels KI könnten die KMU evaluieren, ob diese Abkommen für sie Chancen böten.
Woker erzählte aus seiner langjährigen Erfahrung als Botschafter, unter anderem in Australien. Heute seien dort sowohl V-Zug als auch Geberit präsent. «Ich rate den Unternehmen, auf den Botschaften vor Ort vorbeizugehen. Ich habe mich über solche Treffen immer sehr gefreut.»
In der darauffolgenden kontradiktorischen Diskussion zu den neuen Verträgen zwischen der Schweiz und der EU kreuzten Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse, und Marco Sieber, Unternehmer und Mitglied von Kompass Europa, die Klingen.
Für Sieber, der mit seinem Unternehmen SIGA etwa 40 Prozent in die EU exportiert, erschliesst sich der wirtschaftliche Nutzen des neuen Vertragspakets schlicht nicht. «Die Zertifizierungskosten für Produkte machen pro Unternehmen maximal ein Prozent aus. Das sind Peanuts im Vergleich zur Währung.» Sein Fazit: «Für die KMU ist das ein sehr schlechter Vertrag.»
Minsch hielt dagegen: Es sei ein sehr schlechter Zeitpunkt, es sich mit dem besten Handelspartner der Schweiz zu verscherzen. Die Verträge hätten einen klaren Geltungsbereich. «Vieles müssen wir nicht übernehmen; wir können weiterhin unkompliziert liefern und bleiben trotzdem eigenständig. Die Verträge bringen Stabilität.»
Auch bei vielen weiteren Aspekten der Verträge und deren Folgen für die Schweiz waren sich die Kontrahenten uneinig. Ebenso in Bezug auf die SVP-Initiative «Keine 10 Millionen Schweiz». Sieber sagt Ja, weil er sonst keine andere Lösung sehe und auch der politische Wille fehle, die Zuwanderung zu bremsen, die in Ausmass und Tempo viel zu schnell gehe. Minsch spricht sich deutlich für ein Nein aus. Eine fixe Grenze sei absurd. Würde diese erreicht, müsste ein Schweizer Arbeitgeber mit der Anstellung von Mitarbeitenden aus dem Ausland warten, bis wieder jemand ausgewandert sei.
Zum Schluss stellte sgv-Direktor Urs Furrer die Haltung des sgv zum Vertragspaket mit der EU vor. Der grösste Dachverband der Schweizer Wirtschaft lässt die Türe offen. Eine allfällige Zustimmung ist jedoch an klare Bedingungen geknüpft. «Es braucht eine spürbare Entlastung der KMU.» Ausserdem lehnt der sgv den Ausbau des Kündigungsschutzes ab und fordert ein Ständemehr. Die definitive Position wird die Schweizerische Gewerbekammer, das Parlament des sgv, nach Abschluss der parlamentarischen Debatte festlegen.
Kampf gegen die Regulierungsflut
«Ab den 1970er-Jahren, insbesondere aber seit den 1990ern beobachten wir, wie sich eine regelrechte ‘Verordnungswand’ aufbaut», sagte Prof. Dr. Mark Schelker in Klosters. Er lehrt an der Universität Freiburg Finanzwissenschaft und hat, zusammen mit Prof. Dr. Simon Lüchinger von der Universität Luzern, die langjährige Entwicklung von Regulierungen in Bund und Kantonen untersucht.
Auf beiden Ebenen sei zu beobachten, dass der Anteil der Gesetze aus dem Parlament zurückgedrängt und zunehmend auf Regierungs- und Verwaltungsebene via Verordnungen reguliert werde; in der lateinischen Schweiz und den urbanen Zentren stärker noch als in der Deutschschweiz insgesamt.
Haupttreiber seien internationale Vereinbarungen ebenso wie Abschottungsmassnahmen, die im Interesse inländischer Unternehmen, aber auch der Landwirtschaft ergriffen würden.
Direkte Demokratie und Referenden bremsen
Bremsend auf die Regulierung wirkten sowohl der Föderalismus als auch die direkte Demokratie, insbesondere die Möglichkeit von Referenden. Nach Abschaffung des obligatorischen Referendums in 13 Kantonen sei die Produktion von Gesetzen um die Hälfte gestiegen, so Schelker. Der Standortwettbewerb bremse die Regulierung – doch auch er werde zunehmend zurückgedrängt.
„Wie die Verordnungswand zurückgebaut werden kann, ist die Million-Dollar-Frage“, sagte Referent Mark Schelker auf die Frage von Moderator Markus Somm. Es gelte, die direkte Demokratie keinesfalls weiter zu schwächen, sie sei ein eigentlicher „Schutzmechanismus“ gegen überbordende Regulierung. Leider sehe er aber kaum einen bürgerlichen Schulterschluss in der Sache – es sei deshalb an den Wählern, blosse Lippenbekenntnisse zu erkennen und notfalls an der Urne abzustrafen.
Expertise von Verbänden gefragt
«Das Parlament spielt kaum mehr eine Rolle; die Verwaltung regiert»: Wie gewohnt provokativ eröffnete Somm die anschliessende Diskussion. Gefragt nach Rezepten für eine erfolgreiche KMU-Politik äusserten sich Nicole Barandun, Präsidentin Gewerbeverband Stadt Zürich und Nationalrätin «Die Mitte», Ernst Kühni, Präsident Berner KMU, Inhaber der Kühni AG und SVP-Grossratskandidat, Philipp Muster, Direktor Swiss Shippers‘ Council und Gemeindepräsident von Nunningen (SO) sowie Dieter Kläy, stv. Direktor und Leiter Arbeitsmarkt, Berufsbildung, Wirtschaftsrecht beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv.
Am Beispiel des neuen Zollgesetzes zeigte Philipp Muster auf, dass Regulierung nicht per se schlecht sein muss. «Die dank einer Motion von sgv-Präsident und Ständerat Fabio Regazzi ermöglichte digitale (Selbst-) Deklaration im In- und Export sparen KMU rund 100 Millionen Franken pro Jahr ein – ein echter Gamechanger, welcher die Wichtigkeit von Verbänden und der von ihnen in den politischen Prozess eingebrachten Expertise exemplarisch aufzeigt.»
Jenseits von Gut und Böse
Unternehmer Ernst Kühni zeigte auf wie sich Regulierung und Bürokratie in seiner Firma manifestiert. „Drei Gesamtarbeitsverträge machen die Koordination anspruchsvoll; eine Flut an Formularen und teils völlig unsinnige Vorschriften betreffend Arbeitssicherheit sind oft jenseits von Gut und Böse und erschweren uns die Arbeit Tag für Tag.“ Aber, so der Präsident von Berner KMU ehrlich: „Auch manche KMU-Unternehmer sind oft etwas nachlässig, wenn es darum geht, die Situation zu verbessern und sich für die Sache der Unternehmen einzusetzen.“ Offenbar sei die Wohlstandsblase noch immer intakt – auch wenn die Bürokratie laut Umfragen Sorge Nummer eins bleibe.
Lieber arbeiten als demonstrieren
Nationalrätin Nicole Barandun sagte, durch oft völlig praxisferne Vorschriften werde die für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft wichtige duale Berufsbildung «ins Lächerliche gezogen». Mit Bezug auf die regelmässigen, höchst ärgerlichen Velodemos in der Stadt Zürich sagte Barandun weiter: «Auch wir haben schon demonstriert und sind mit Leitern und Heizungsrohren ins Tram gestiegen, um auf die Behinderung des gewerblichen Verkehrs durch die Politik hinzuweisen. Aber eigentlich arbeiten unsere Mitglieder lieber, als dass sie demonstrieren...» Es sei aus KMU-Sicht dringend nötig, hinzustehen und die Positionen der Unternehmen ohne Angst und glaubwürdig zu vertreten.
Referendum bremst Regulierung
Dieter Kläy schliesslich schöpfte wie gewohnt aus dem Vollen. Die gescheiterten Sammelklagen, der Kampf gegen unsinnige Mindestlöhne und gegen eine immer stärker an Konsumenten- und Schuldnerinteressen – und damit gegen Gewerbe und Gläubiger – orientierte Politik zeigten die Wichtigkeit der Verbandsarbeit auf, wie sie der sgv vertrete. Noch gebe es Vieles zu korrigieren, zum Beispiel die Lohnkontrollen, oder zu bekämpfen, wie etwa die bundesrätlichen Pläne zur Übernahme des EU-Gewährleistungsrechts. Entscheidend sei die Referendumsfähigkeit, welche der sgv schon mehrmals unter Beweis gestellt habe. Und das Referendum ist bekanntlich eines der stärksten Mittel gegen überbordende Regulierung.
«Wir müssen Sicherheit breiter denken»
Bundesrat Martin Pfister überbrachte am Freitagvormittag in Klosters die Grussworte der Landesregierung. In seiner Rede ging der Verteidigungsminister auf die fundamentalen geopolitischen Veränderungen ein, in denen wir uns befinden. Diese seien insbesondere durch den russischen Krieg in der Ukraine sichtbar geworden. Diese deutliche Verschlechterung der sicherheitspolitischen Lage spüre man weltweit, insbesondere in Europa und damit auch in der Schweiz.
«Wenn wir heute über Sicherheit sprechen, sprechen wir nicht nur über Armee, Polizei und Bevölkerungsschutz», sagte der VBS-Chef. Ebenso entscheidend seien Lieferketten, Datenflüsse und die Energieversorgung. Die wirtschaftliche Stärke der Schweiz rühre von ihrer Offenheit, dem Handel und der Innovation her. «Doch diese Offenheit macht auch verletzlich.»
Das gelte gerade auch für die Wirtschaft: Zum Beispiel, wenn Lieferketten zusammenbrechen, wie die Corona-Pandemie vor Augen geführt habe. Wie verletzlich eine Gesellschaft sei, habe auch der Anschlag von Linksextremen auf das Stromnetz in Berlin gezeigt, wo ganze Stadtteile teils mehrere Tage keinen Strom mehr hatten.
KMU von Cyberangriffen betroffen
All die Themen griffen ineinander, erklärte der Magistrat. «Sicherheitspolitische Resilienz bedeutet auch wirtschaftliche Stabilität – und umgekehrt.» Und: «Wir müssen Sicherheit breiter denken.» Wichtig sei, dass die Schweiz sich vorbereite. Unter anderem erwähnte Pfister das neu geschaffene Bundesamt für Cybersicherheit BACS. «Es sind nicht nur grosse, internationale Firmen, die in der Schweiz von Cyberangriffen betroffen sind, sondern auch KMU.» Das werde häufig unterschätzt, weil KMU fälschlicherweise dächten, sie seien nicht interessant genug.
Im Jahr 2025 gingen beim BACS knapp 65’000 Meldungen zu Cybervorfällen ein. Bei den am häufigsten von Unternehmen gemeldeten Delikten war beim CEO-Betrug auch im letzten Jahr eine Zunahme zu verzeichnen.
Drei Stossrichtungen
«Bundesrat und Parlament haben erkannt, dass die Sicherheit mehr Mittel benötigt», sagte Pfister. Mit dem Ziel, bis im Jahr 2032 ein Prozent des BIP für die Verteidigung auszugeben, sei ein wichtiger Entscheid zur Stärkung der Sicherheit getroffen worden. Die sicherheitspolitische Strategie des Bundesrats verstehe Sicherheit nicht nur militärisch, sondern umfassend und beinhalte drei Stossrichtungen.
Erstens: die Resilienz stärken – zum Beispiel durch krisenfeste Infrastrukturen. Zweitens: die Abwehr und den Schutz verbessern – mit einem leistungsfähigen Bevölkerungsschutz. Drittens: die Verteidigungsfähigkeit erhöhen. Pfister forderte mit Blick auf die Armee eine schnelle Aufrüstung und eine zügige Schliessung bestehender Fähigkeitslücken bei Munition, Ausrüstung und Systemen.
Plädoyer für das Kriegsmaterialgesetz
«Die Lösung, die das Parlament in der Wintersession beim Kriegsmaterialgesetz gefunden hat, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung», erklärte der Bundesrat. Gerade auch für die Rüstungsindustrie: «Ohne Exporte können unsere Rüstungsbetriebe nicht überleben, und ohne Rüstungsbetriebe können wir die Sicherheit in einer Krise nicht sicherstellen.» Im Krisenfall könne die Armee nicht davon ausgehen, von ausländischen Betrieben alles Material zu erhalten, das sie brauche.
Pfister bat darum, dass sich die Wirtschaftsvertreter für die Vorlage des Kriegsmaterialgesetzes einsetzen. «Das ist sehr wichtig für die KMU.» Dasselbe gelte für das Zivildienstgesetz. Es sorge dafür, dass nicht immer mehr junge Erwachsene in den Zivildienst gingen und die Armee und der Zivilschutz wieder mehr Personal zur Verfügung hätten.
«Uns fehlen Mediatoren»
Bundesrat Martin Pfister schloss mit einer optimistischen Note: «Man gründet nur ein Unternehmen oder eine Familie, und man setzt sich nur für das Land ein, wenn man an eine bessere Zukunft glaubt.» Er werde sich als Verteidigungsminister dafür einsetzen, dass die Schweiz erfolgreich bleibe.
Er wünsche sich, so Pfister, dass die Schweiz wieder vermehrt Lösungen finde. «Uns fehlen Mediatoren für gute Lösungen.» Und er spannte den Bogen zu den nationalen Wahlen vom Herbst 2027: «Es ist wichtig, dass viele erfahrene Leute aus der Wirtschaft im Parlament vertreten sind.»
Mit einem Überblick auf das vom sgv entwickelte, in Umsetzung befindliche KMU-Entlastungs- und Revitalisierungsprogramm und einem kurzen Rückblick auf eine höchst informative, erfolgreiche Tagung schloss sgv-Präsident Fabio Regazzi die 76. Gewerbliche Winterkonferenz in Klosters ab. Die 77. Ausgabe findet vom 13. bis zum 15. Januar 2027 statt.
Präsentationen / Referate
14. Januar 2026
- Ordnung oder Chaos? - Anmerkungen zum geopolitischen Rahmen
Prof. em. Dr. Christoph Frei, Titularprofessor für Politikwissenschaft Universität St. Gallen | PDF
15. Januar 2026
- Impulsreferat: Zwischen Globalisierung und Protektionismus - Die Zukunft der Schweizer Industrie-KMU
Nicola Tettamanti, Präsident Swissmechanic, Unternehmer, CEO Tecnopinz SA | PDF - Impulsreferat: Antifragile Schweiz – Strategien für eine Welt der Unordung
Christoph Eisenring, Leiter Forschung und Programme, Avenir Suisse | PDF - Die Sicht der Wissenschaft
Prof. Dr. Reto Föllmi, Schweizerisches Institut für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung Uni St. Gallen | PDF - Impulsreferat: Zwischen Freihandel und Protektionismus - Die Perspektive der Handelspolitik
Botschafter Ivo Germann, Leiter der Direktion für Aussenwirtschaft des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO | PDF - Die Position des sgv zum EU-Vertragspaket
Urs Furrer, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband sgv | PDF
16. Januar 2026
- Impulsreferat: Entwicklung der Regulierung bei Bund und Kantonen
Prof. Dr. Mark Schelker, Lehrstuhl für Finanzwissenschaft, Universität Freiburg | PDF
Gewerbliche Winterkonferenz 2026